„Who wore it better?“ Part II – wenn Coversongs größer werden als das Original

Ob sie nun besser sind oder nicht – teilweise werden Cover-Songs von Liedern bekannter als ihr Original. Nach einem ersten Einblick in einige der größten Cover-Songs aller Zeiten folgt hier der zweite Teil.

Hurt – Nine Inch Nails/Johnny Cash

Ein musikalisches Meisterwerk steht am Anfang dieser Liste. Ein Lied, das unter die Haut geht, wie die in ihm besungene Nadel. Die Rede ist von dem Song „Hurt“ und der ist im Original gar nicht von der Country-Legende Johnny Cash. Geschrieben hat ihn Trent Reznor von der Industrial-Rockband Nine Inch Nails. Eine Ballade, ein Anti-Drogen-Song, den die meisten wohl nur in ihrer zensierten Version kennen (Cash machte die Zeile „I wear this crown of shit“ durch die Umdichtung zu „crown of filth“ auch für die prüderen Zuhörer*innen zugänglich). Cashs Interpretation kann wohl mit „gefühlvoll“ umschrieben werden, die von Nine Inch Nails eher als verzweifelt und wütend. 

Auf Listen mit Titeln wie „Covers that are better than the original“ taucht Cashs Version meist ganz oben auf – gerechtfertigt ist das jedoch nicht. Beide Versionen sind eindringlich und intensiv, Cashs ist ruhiger, gefühlvoller eingesungen, Reznors Version verzweifelt, wütend. Ob es dort ein „besser“ gibt, lässt sich nicht sagen. Dass beide Versionen das eigentliche Thema, Gefühlsverlust durch Drogenmissbrauch, aufgreifen und widerspiegeln, ist jedoch keine Frage. 

Hallelujah – Leonard Cohen/Jeff Buckley

 „Hallelujah“, das ist der Song, der den Singer-Songwriter Jeff Buckley weltbekannt machte – doch ist dieser nicht einmal von ihm selbst. Das Original stammt von dem kanadischen Poeten und Sänger Leonard Cohen. Ein Lied mit unheimlich starkem Text, der sich an Ausschnitten der Bibel bedient. Cohen singt die Originalversion jedoch regelrecht leidenschaftslos. Sie ist mit elektronischen Klängen und singenden Frauenstimmen begleitet – und gilt unter Fans nicht unbedingt als ein Favorit, verglichen mit anderen Stücken wie „Suzanne“. Jeff Buckleys Version fährt eine komplett andere Schiene. Wo Cohens Stimme die Leidenschaft fehlt, trägt Buckley sie intensiv in die Welt hinaus. Seine Stimme klingt leidend, intensiv fühlend, für viele traurig. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Buckley selbst beschrieb seine Interpretation als „Hallelujah an den Orgasmus“. Cohens Ansicht, es gäbe viele Interpretationen des religiösen Hallelujah, spiegelt sich in den zahlreichen Covers seines Stücks wider. Buckleys Interpretation ist dabei die beliebteste – und das zurecht. 

I put a spell on you – Screamin‘ Jay Hawkins/Annie Lennox 

Ein eher trauriges Schicksal ist dem Song „I put a spell on you“ des amerikanischen Sängers Screamin‘ Jay Hawkins widerfahren. Seine Originalversion befindet sich in den 500 Greatest Songs of All Time des Magazins Rolling Stone. Sie ist eine Blues-Ballade, die einen eindringlichen Ton mit sich bringt. Der Song wurde zahlreich gecovert, am Bekanntesten von Nina Simone und Annie Lennox. Letztere Version ist der Grund, weshalb von einem „traurigen Schicksal“ die Rede sein kann. Das Cover, den die ehemalige Eurhytmics-Sängerin auf ihrem Solo-Album „Nostalgia“ veröffentlichte, sang sie ursprünglich für den „Fifty Shades of Grey“-Soundtrack. Die Eindringlichkeit der Lyrics des Songs bekommt im Zusammenhang mit den teils fragwürdigen Motiven des Erotik-Films eine neue Bedeutung – und zwar keine positive. Die Zauberei der Liebe verwandelt sich so eher in eine „Sie sagt nein, doch ich verzaubere sie, ja zu sagen“-Mentalität. Obwohl die Version von Lennox musikalisch gut ist, der Beigeschmack nimmt dem Lied seinen Zauber. 

Feeling Good – Anthony Newley & Leslie Bricusse/Nina Simone

Überraschend, aber doch wahr: Der vermutlich bekannteste Song von Nina Simone, „Feeling Good“, stammt im Original gar nicht von ihr. Die englischen Komponist*innen Anthony Newley und Leslie Bricusse schrieben den Song 1964 für das Musical „The Roar oft the Greasepaint – The Smell oft he Crowd“, wo es erstmals von dem Sänger Cy Grant aufgeführt wurde. Im gleichen Jahr coverte Simone den Song auf ihrem 1965 erschienenen Album „I put a spell on you“ (womit sie auf dieser Liste gleich zwei Mal auftaucht). Ihre minimalistische Blues-Version, welche die ersten 45 Sekunden komplett ohne Musik auskommt und Simones gefühlvoller Stimme Raum gibt, ist heutzutage weitläufig populär. Tatsächlich aber war ihr Cover nicht von Anfang an ein Hit. Erst 1994, fast 30 Jahre nach seiner Veröffentlichung, wurde Feeling Good für eine VW-Werbung verwendet – und verschaffte einem starken Cover so den Ruhm, den es schon von Anfang an verdient hätte. 

Nothing Compares 2 U – The Family/Sinéad O’Connor


Last but not least ein Song, der die Playlists von herzensgebrochenen Menschen weltweit vermutlich dominiert – Nothing Compares 2 U von Sinéad O’Connor. Von Sinéad O’Connor? Nicht doch. Tatsächlich wurde der Song, der die irische Sängerin weltbekannt machte, ursprünglich von niemand anderem geschrieben als von der Rock-Legende Prince. 1985 veröffentlichte er das Lied mit seinem Side-Project, The Family. 1990 coverte O’Connor den Song und wurde noch im gleichen Jahr bei den ersten Billboard Music Awards als #1 World Single of 1990 benannt. Ein Synthesizer-Fest mit O’Connors markanter Stimme, die über verflossene Lieberhaber*innen und das über-diese-Hinwegkommen singt, jammert, wie auch immer. Gerecht wird der Song O’Connor nicht, ist aber für die Massen wesentlich zugeschnittener als ihre anderen Werke. Schade drum. 

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Herzkoma sagt:

    PS: Jetzt doch „Halleluja“ angehört in beiden Variationen. Muss ehrlich antworten: Gefällt mir beides nicht und ich seh auch keine große Unterschiede, was wohl daran liegt, dass es nicht meine Musik ist. Aus diesem Grund erspar ich mir auch die nächsten Interpreten, die eben nicht zum den meinen zählen, aber wohl dennoch ihren Fanclub haben. Kannst du Liebe das verstehen?

    Dennoch Danke für deine Mühe. Leider bin ich mehr der Hardcore-Freak. Von einer „Festivalistin“ erwarte ich auch mehr die Musik von den Festivals. Ich mag auch etwa Otis Redding oder James Brown, aber nicht auf dieser Seite.

    LG Sven ❤

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  2. Herzkoma sagt:

    PS: Jetzt hab ich mir doch noch Prince gegeben und ich frag mich, warum wir ständig neue Künstler anhören, wo doch das Gute und Bewährte kaum zu toppen ist. Das Prince-Video hat mich wirklich fasziniert, die Art seines artistischen Tanzes, seine Ausstrahlung trotz kleiner Gestalt, sein Gitarrenspiel (wohl auch an Hendrix geschult), sein Gesang, sein gesamter Auftritt, seine ständige Anwesenheit .. Phänomenal.

    Sinéad O’Connor hat das Original nicht nur übernommen, sondern kongenial weiterentwickelt. Hier dominiert die einzigartige Stimme. Wunderschön auch ihre Version. Mir fällt nur auf, dass da ein Nachhall wirkt, wie wenn jemand in der Badewanne oder in einem Rohbau-Zimmer singt.

    Ihre Stimme klingt künstlich aufgedickt. Tatsächlich gibt es den Trick, die Gesangsstimme mehrmals auf den Bändern übereinander zu kopieren, um mehr Volumen zu erreichen. Wie man ja auch alle Instrumente selbst einspielen und übereinander legen kann. Aber das ist nur mein laienhafter und persönlicher Eindruck, der sich immer täuschen kann.

    Nochmal ein großes Dankeschööön, Sven 🙂

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  3. Herzkoma sagt:

    Ich halte es mehr mit „Nine Inch Nails“, weil Country nicht so mein Ding ist. Johnny Cash hat den Song kurz vor dem Tod seiner Frau adaptiert. Mit Fantasie könnte man seine Version auch als verfrühten Nachruf sehen.

    Ihre Liebe hat Millionen von Menschen berührt und inspiriert. Johnny Cash und seine geliebte Frau June Carter Cash waren eines der unzertrennlichsten Paare der amerikanischen Musikszene, 48 Jahre lang kannten sie sich, 35 Jahre waren sie verheiratet.

    Krank, kaputt und sichtbar an einem gebrochenen Herzen leidend, folgte Cash ihr weniger als vier Monate später in den Tod. Bevor er die Bühne für seinen letzten öffentlichen Auftritt betrat, las er folgende Zeilen vor: “Der Geist von June Carter ist heute Abend bei mir, mit der Liebe, die sie für mich hatte und der Liebe, die ich für sie habe. Wir verbinden uns irgendwie zwischen hier und dem Himmel.“

    Ich glaube schon, dass man das Ende, dass man den leisen Wind des Totes spürt und den Engel der Vergänglichkeit erahnt. Wie dem auch sei, obs nun ein Drogensong oder ein Nachruf darstellt, es kann uns egal sein, wenn es unsere Seele erhebend berührt in dieser oder jener Version – und ist nicht jeder Drogensong auch ein verausgenommener Nachruf ..

    Selten so viel Gefühl in Musik empfangen aus beiderlei Versionen. Sollte mir doch mehr von beiden Künstlern anhören. Den Rest hör ich mir später im Vergleich an. Das jeweilige Gegenstück ist ja bei Youtube jederzeit greifbar. Würd ich mir jetzt noch „Hallelujah“ reinziehen, bekäm ich wohl einen Salzmangel ..

    Danke !!!

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